Die neue Liebe zum Tagesgeldkonto

Es scheint einen neuen Trend zu geben: Weil viele Banken, auch Volksbanken und Sparkassen, für größere Beträge auf dem Girokonto jetzt ein Verwahrentgelt verlangen, eröffnen Bankkunden neue Tagesgeldkonten, um ihr Geld auf mehrere Banken aufteilen zu können. Das jedenfalls legt eine Studie der Raisin DS GmbH nahe, zu der die fusionierten Zinsportale Weltsparen und Deposit Solutions gehören. Die Studie verweist darauf, dass inzwischen rund 500 Banken und Sparkassen in Deutschland von ihren Kunden von einer bestimmten Grenze an ein Verwahrentgelt oder Negativzinsen verlangen. Diese Grenze wurde nach und nach herabgesetzt, zunächst auf 100 000 Euro, dann auf 50 000 Euro, bei manchen Instituten auch schon bis auf 25 000 Euro.

Manche Bankkunden investieren jetzt stärker in Wertpapiere, wenn sie die Grenze überschreiten, wie die Banken es ihnen oftmals vorschlagen. Andere eröffnen aber anscheinend auch einfach ein neues Tagesgeldkonto bei einem anderen Institut, beispielsweise einer Direktbank, um ihr Geld besser auf mehrere Banken aufteilen zu können und damit unter der Grenze für Negativzinsen zu bleiben. Und das, obwohl es auf den Tagesgeldkonten kaum noch Zinsen gibt – und diese daher in den Jahren zuvor oft nicht mehr viel Interesse gefunden hatten.

Bild: F.A.Z.

So jedenfalls werden in der Studie Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Deutschen Bundesbank gedeutet, die exklusiv zusammengestellt und ausgewertet wurden. Demnach hat die Zahl der Tagesgeldkonten in Deutschland im vergangenen Jahr einen sprunghaften Anstieg erfahren, nachdem sie zuvor über Jahre vor sich hin dümpelte. Die Einlagen je Tagesgeldkonto dagegen waren im selben Zeitraum rückläufig. Die Kombination dieser beiden Entwicklungen spreche für eine stärkere Aufteilung der Gelder auf mehrer Konten, hieß es. Die Ersparnisse der Deutschen insgesamt seien dagegen weiter gestiegen.

Mehr Konten mit weniger Geld

Konkret: Die Bankguthaben der privaten Haushalte in Deutschland, ohne beispielsweise Geschäftsguthaben von Selbständigen, hätten bis einschließlich zweites Quartal 2021 auf 2,6 Billionen Euro zugelegt. Das meiste Geld sei dabei ungebremst auf dem Girokonto gelandet. Aber bei der Zahl der Tagesgeldkonten habe es im vergangenen Jahr einen Anstieg um 4 Prozent gegeben, nachdem die Zuwachsraten den fünf Jahren zuvor deutlich unterhalb von 1 Prozent gelegen hätten. Zugleich sei das durchschnittliche Guthaben je Tagesgeldkonto im Jahr 2020 um 1,9 Prozent gesunken, während es in den Jahren 2014 bis 2019 noch um durchschnittlich 3,9 Prozent gestiegen sei. Die Folge: Es gibt jetzt mehr Tagesgeldkonten je Kopf in Deutschland – aber mit jeweils weniger Geld drauf.

Auf Anfrage der F.A.Z. legte die Bundesbank Auszüge aus ihrer Bankstatistik vor, die gleichfalls einen deutlichen Anstieg der Zahl der Tagesgeldkonten im vergangenen Jahr nahelegen. Max Herbst von der FMH-Finanzberatung meinte: „Es ist schon logisch, dass die Kunden das Geld besser verteilen, wenn die eine oder andere Bank ein Verwahrentgelt verlangt.“ Die Bank ING hingegen teilte auf Anfrage mit, unter ihren Kunden gehe der Trend eher in Richtung Wertpapiersparen, weniger in Richtung Tagesgeld. Der Stuttgarter Bankenprofessor Hans-Peter Burghof vertrat die Ansicht, die Negativzinsen hätten die Bankkunden jedenfalls „in Bewegung gebracht“: Sie suchten nach Alternativen – und bei dieser Suche landeten sie im Augenblick tendenziell eher beim Tagesgeldkonto als beispielsweise beim Sparbuch.

Was machen Bankkunden auf Zinsplattformen?

Die beiden großen Zinsplattformen Weltsparen und Deposit Solutions haben derweil erstmals seit ihrer Fusion auch das Verhalten ihrer eigenen Kunden untersucht. Sie meinen, die Plattformen funktionierten oftmals als Ersatz für die Eröffnung neuer Tagesgeldkonten. Allerdings verteilten die Kunden von Zinsplattformen ihr Geld durchschnittlich auf knapp drei Konten, während ansonsten Bankkunden mit Fest- oder Tagesgeld im Schnitt nur 1,58 Konten in Anspruch nähmen.

„Unsere Analyse zeigt: Die Kunden machen von der Möglichkeit, ihr Geld über mehrere Banken zu verteilen, intensiv Gebrauch“, sagte Tamaz Georgadze, Co-Vorstandschef von Raisin DS. Anders als viele dächten, verhielten sich die Bankkunden auf den Zinsplattformen dabei in aller Regel allerdings nicht als „Zinshopper“, die ihr Geld ständig von einer Bank zur anderen umschichteten. Nur etwa 0,7 Prozent der Plattform-Kunden verschöben ihr Geld laufend, 99,3 Prozent legten es eher langfristig an, wie eine Stichprobe von 35 000 Tagesgeldkunden der Plattformen zeige.

Die Verteilung auf mehrere Banken lege dabei im Zeitablauf zu: Plattformnutzer wählten in ihrem ersten Monat durchschnittlich 1,5 Tages- und Festgeldprodukte von 2,1 Banken aus 1,2 Ländern – nach fünf Jahren seien es im Schnitt 3,8 Produkte von 4,6 Banken aus 2,9 Ländern.


Quellverweis — www.faz.net

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