Machtwechsel in Sambia beflügelt Finanzmärkte

Es ist noch nicht lange her, da löste das Schlagwort „Sambia“ bei vielen Finanzinvestoren nur eine Reaktion aus: kein neues Geld investieren und auf das Beste hoffen. Das Land ist im vergangenen Jahr das erste in Afrika gewesen, das in der Corona-Krise seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber privaten Gläubigern nicht mehr erfüllen konnte. Die Nachricht versetzte nicht nur die Besitzer sambischer Staatspapiere in Panik. Schnell ging die Sorge um, andere afrikanische Länder könnten dem Beispiel folgen.

Seit dem Sieg des Oppositionskandidaten Hakainde Hichilema in der Präsidentschaftswahl Mitte August hat sich das Blatt gewendet. Dem neuen Präsidenten, einem Unternehmer und früherem Manager, trauen viele zu, das unter seinem Vorgänger Edgar Lungu heruntergewirtschaftete Land wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen und die Staatsverschuldung auf ein tragfähiges Niveau zu senken. Besonders deutlich zeigt sich die neu erwachte Zuversicht am Devisenmarkt: Mussten Mitte Juli fast 23 Kwacha für einen Dollar gezahlt werden, sind es aktuell rund 16 Kwacha. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg entwickelte sich keine andere Währung seit Mitte August so stark wie die sambische.

Der jüngste Kurssprung ist der Ernennung eines neuen Finanzministers geschuldet gewesen. Der 65 Jahre alte Situmbeko Musokotwane hat unter anderem für die Zentralbank, den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank gearbeitet und wurde mit einer Dissertation zur Geldpolitik an der Universität Konstanz promoviert. Von 2008 bis 2011 war er schon einmal Finanzminister, damals unter dem Präsidenten Rupiah Banda. Sambias Wirtschaft wuchs in dieser Zeit um mehr als 7 Prozent im Jahr. Ein Jahr nach Musokotwanes Amtszeit brachte der Staat erstmals eine in Dollar notierte Anleihe (Eurobond) heraus, die mehrfach überzeichnet gewesen war.

Analysten trauen Musokotwane einen Richtungswechsel zu

Jetzt tritt Musokotwane den Posten unter anderen Bedingungen an: Im vergangenen Jahr schrumpfte die Wirtschaft um 3 Prozent, die Inflation kletterte auf 25 Prozent, Ende 2020 war Sambia mit fast 13 Milliarden Dollar im Ausland verschuldet. Vom Investorenliebling wandelte sich das rohstoffreiche Land zum Investorenschreck.

Analysten äußerten sich überwiegend positiv, dass der Kraftakt gelingen könne. „Seine Erfahrung im Umgang mit den Herausforderungen wie der globalen Finanzkrise sowie sein Verständnis für die Bedingungen für Investitionen in den Bergbau sind zusätzliche Pluspunkte“, schrieb Razia Khan, Chefökonomin für Afrika und den Nahen Osten bei der Standard Chartered Bank. Die Analysten der Eurasia Group in London halten ihn für erfahren, um mit multilateralen Kreditgebern konstruktiv zu verhandeln.


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Verhandlungstalent wird er auch benötigen: Eine der drängendsten Aufgaben sind die Gespräche mit dem IWF über eine erweitere Kreditlinie. Davon hängt ab, ob und wann Sambia den verschiedenen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann. Musokotwane hält schon im Oktober eine Einigung für möglich, Analysten halten das erste Halbjahr 2022 für wahrscheinlicher. Nach Angaben von Reuters hat Sambia rund 3 Milliarden Dollar über Staatsanleihen aufgenommen, 3,5 Milliarden Dollar von bilateralen Gläubigern, 2,1 Milliarden Dollar von multilateralen Geldgebern und rund 2,9 Milliarden Dollar von kommerziellen Banken. Insbesondere chinesische Institutionen spielen unter den Kreditgebern eine wichtige Rolle. Über die Höhe der chinesischen Kredite und die Konditionen gibt es dagegen keine genauen Informationen.

Große Unsicherheit trotz vielversprechender Ankündigungen

Viel hängt auch von der Entwicklung des Bergbaus ab. Sambia ist der zweitgrößte Kupferproduzent nach Kongo. Das Metall liefert mehr als 70 Prozent der Exporterlöse. Auch hierbei zeigte sich der Finanzminister ehrgeizig. Die Jahresproduktion solle sich bis 2026 mehr als verdoppeln, kündigte er an. „Sie werden erstaunt sein, wie viel Devisen dieses Land einnehmen wird. Sie werden nicht wissen, was Sie mit den Dollars machen sollen.“ Die vorherige Lungu-Regierung hatte die Steuern für den Bergbau drastisch erhöht, sie wollte außerdem Bergwerke verstaatlichen und führte mehrere Machtkämpfe mit Minenkonzernen.

Den vollmundigen Ankündigungen muss die neue sambische Regierung nun Taten folgen lassen. Große Unsicherheiten bestehen weiterhin. Um auf einen Sparkurs einzuschwenken und den IWF zu überzeugen, müssten vermutlich die unter Lungu erhöhten Subventionen für die Landwirtschaft und für Treibstoffe gesenkt werden. Das wird bei den Wählern, denen Hichilema sinkende Lebenshaltungskosten versprochen hat, nicht gut ankommen.

Außerdem ist die Finanzlage des Staates unklar. In dieser Woche berichtete der frisch gewählte Präsident in einem Interview von Plünderungen der Staatskasse. Das Ausmaß der Korruption und das Loch im Staatshaushalt seien größer als erwartet. Man müsse sich allerdings erst einmal ein genaues Bild verschaffen. Prompt sackten die zuvor gestiegenen Kurse sambischer Staatsanleihen wieder ab.


Quellverweis — www.faz.net

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