Verordnete Beruhigung für Chinas Aktienmarkt

Zu Wochenbeginn war es an der chinesischen Börse mächtig nach unten gegangen. Der CSI-300 verlor bis Dienstag erst einmal gut 8 Prozent. Grund war die unerwartet massive Regulierung des privaten Bildungssektors, die die Anleger kalt erwischte. Plötzlich schien die harte Linie von Generalsekretär XI Jinping ganz konkret die gesamte Wirtschaft und womöglich damit den eigenen Geldbeutel zu betreffen.

Aber China wäre nicht China, griffe man nicht  tief in die Kiste der Beruhigungsmittel. Schon am Mittwoch schrieben staatlich gelenkte Investorenpostillen den Markt nach oben: Die Politik sei falsch interpretiert worden, ein systemisches Risiko gebe es nicht, dafür aber Kaufgelegenheiten. Am Donnerstag dann verstärkte die Zentralbank ihre täglichen Liquiditätsoperationen um zusätzliche 30 Milliarden Yuan. Einige Analysten spekulieren zudem, dass regierungsnahe Fonds Stützungskäufe tätigen. Die Wertpapier-Regulierungskomission lud Topmanager der großen Investmentbanken zu einer Videokonferenz ein, dem Vernehmen nach um diesen zu erläutern, dass man nur den Bildungsbereich im Visier habe und nicht vorhabe, Unternehmen in anderen Branchen zu schaden.

Gut angekommen dürfte auch sein, dass  Yi Huiman,  Chef der Wertpapieraufsicht, erklärte, die Behörde unterstütze Unternehmen, die sich um eine Börsennotierung im Ausland bemühen. Passend dazu dementierte der wegen des Börsengangs in den USA in das Visier der chinesischen Behörden geratene Fahrdienstvermittler Didi einen Bericht des Wall Street Journal, wonach Didi einen Rückzug von der  Börse plane und ein Kaufangebot an die Aktionäre erwäge. Dieses Gerücht sei unwahr. Die Zeitung hatte unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtet, der Uber-Rivale habe seine Banken gebeten, die Ansichten der Anleger zu solchen Plänen sowie die Preisspanne, die sie akzeptieren würden, zu bewerten. Möglich, dass dies noch so war, als der Bericht geschrieben wurde. Doch nach dem unruhigen Wochenbeginn passte ein Rückzug von der Börse nicht mehr ins Konzept der chinesischen Führung, unabhängig davon, ob sie damit überhaupt etwas zu tun hatte.

Tiefer griff in die Beruhigungskiste

Das Treffen mit der Wertpapier-Regulierungskomission habe den Anlegern eine gewisse Sicherheit gegeben, sagte Jun Rong Yeap, Marktstratege bei IG Asia der Nachrichtenagentur Bloomberg. Aber ob aus dem Kursanstieg vom Donnerstag ein längerfristiger Aufwärtstrend werde, hänge davon ab, ob Peking die Nerven der Anleger werde beruhigen können. Die scheinen jedenfalls weiter unsicher: Internationale Investoren dürften weiterhin misstrauisch sein, dass im Ausland notierte chinesische Unternehmen von politischen Entscheidungsträgern streng überwacht werden, meint etwa Gary Dugan, Vorstandschef des Investment-Dienstleisters Global CIO Office.

Und der Optimismus manches Fondsmanagers ist verhalten. Das harte Durchgreifen der Regulierungsbehörden sei etwas überraschend gewesen und habe in einem schon angeschlagenen Markt zu einer weiteren Abwärtsbewegung geführt, sagt etwa Robert Samson, einer der Leiter des Abteilung Global Multi Asset des Vermögensverwalters Nikko der F.A.Z. „Es ändert aber nichts an unserer Meinung, dass chinesische Aktien aufgrund ihrer Bewertungen und ihrer langfristigen Aussichten einen attraktiven Einstiegspunkt bieten.“

Dennoch, sagt Samson, ziehe man es vor, Titel zu besitzen, die weniger in der Schusslinie stünden, wie in den USA notierte Unternehmen. „Wir glauben, dass es zwei Gründe für Chinas Maßnahmen gibt: Erstens sollen die neuen Maßnahmen die Wettbewerbsbedingungen angleichen und ein Geschäftsgebaren fördern, das auf allgemeinen Wohlstand abzielt. Zweitens ist ein Teil der Maßnahmen politisch motiviert und zielt auf die Bestrafung bestimmter Unternehmen und möglicherweise ausländischer Investoren im Rahmen des Handelskriegs ab.“ Die Hauptmotivation sei innenpolitisch, hinzu komme eine Prise politischen Muskelspiels gegenüber der internationalen Gemeinschaft. Aber die politischen Gründe seien langfristig positiv: „Die Märkte preisen einen größeren Abschlag für tiefergehende politische Risiken ein. Diese halten wir für überschätzt.“ Letzten Endes brauche die Regierung einen Privatsektor, der das Wirtschaftswachstum stütze. Dazu müsse die Politik in einem Maße stabil sein, das erforderlich sei, um privates Kapital anzuziehen. Die jüngsten Maßnahmen schienen diesen Zielen zu widersprechen. Doch mit der Zeit werde die Politik eine neue Normalität schaffen, die den Privatsektor funktionieren lasse. 

Vorsicht ist zu spüren — auch anderenorts. Die Fondsgesellschaft Acatis etwa will mittelfristig ihr Engagement in Branchen reduzieren, in  denen das Regulierungsrisiko eher höher sei. Zudem will man den Anteil  anderer asiatischer Märkte im Portfolio erhöhen – also das Engagement in China reduzieren.

Fürs Erste waren die Bemühungen der Führung jedenfalls erfolgreich: Der CSI-300 stieg am Donnerstag wieder um mehr als 2 Prozent.


Quellverweis — www.faz.net

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