Risikokontrolle der Credit Suisse hat „fundamental versagt“

António Horta-Osório ist um Aufmunterung bemüht: „Wir sind entschlossen, die richtigen Lehren zu ziehen und unsere Kontrollfunktionen auszubauen, sodass wir künftig besser aufgestellt sind“, gab der neue Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse (CS) am Donnerstag zu Protokoll. Anlass für das Versprechen des Portugiesen auf eine bessere Zukunft der Schweizer Großbank war die Vorlage des Untersuchungsberichts zum großen Fiasko rund um Archegos. Die Geschäfte mit dieser New Yorker Zockerbude bescherten der CS im ersten Halbjahr 2021 in Summe Verluste von 5 Milliarden Franken.

Zwar haben sich auch eine Reihe andere Banken in diesem sogenannten Prime-Services-Geschäft mit Archegos eine blutige Nase geholt. Aber die Schweizer fuhren die mit Abstand höchsten Verluste ein, indem sie dem Archegos-Inhaber Bill Hwang hohe Milliardenkredite für dessen gewagte Börsenwetten zur Verfügung stellten. Als diese krachend schiefgingen, blieb die CS mangels ausreichender Absicherung auf den genannten Verlusten sitzen.

Im Auftrag des CS-Verwaltungsrats hat eine amerikanische Anwaltskanzlei den Fall unter die Lupe genommen. Der 172 Seiten starke Bericht, den die CS am Donnerstag veröffentlicht hat, stellt der Bank ein verheerendes Zeugnis aus: „Die von der CS erlittenen Verluste im Zusammenhang mit Archegos sind das Ergebnis eines fundamentalen Versagens des Managements und der Kontrollen in der Investment Bank der CS und insbesondere in ihrem Prime-Services-Geschäft. Das Geschäft war auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet und hat die Risikofreudigkeit von Archegos nicht gebremst, sondern erst ermöglicht.“ Nach Einschätzung der Prüfer gab es zahlreiche Warnsignale, die darauf hindeuteten, dass die konzentrierten, volatilen und stark untermargigen Swap-Positionen von Archegos ein potentiell katastrophales Risiko für die CS darstellten. Doch diese Anzeichen seien nicht beachtet worden, „obwohl es Beweise dafür gibt, dass einige Personen ihre Bedenken in angemessener Weise geäußert haben“.

Debakel rund um Archegos „inakzeptabel“

Hinter dem Versagen steckte nach Angaben der Prüfer keine böse oder betrügerische Absicht. Auch an der grundsätzlichen Architektur der Risikokontrollen und Risikosysteme gab es offenbar nichts zu beanstanden. Das Problem war, dass sich die involvierten Mitarbeiter nicht an die bestehenden Regeln und Vorgaben gehalten haben. In dem Bericht ist von „erheblichen Mängeln in der Risikokultur der CS“ die Rede. In ihrer Bewertung des Untersuchungsberichts spricht die Bank von einer „ungenügenden Erfüllung der Aufsichtspflichten“ in der Investmentbank und im Risiko-Management. Die Prüfer empfehlen der CS, eine Unternehmenskultur zu entwickeln, „in der sich alle Mitarbeiter auf allen Ebenen als Risikomanager verstehen, die für die Identifizierung, das Handeln und die Eskalation von Risiken verantwortlich sind und für die Nichterfüllung ihrer Risikomanagement-Aufgaben streng zur Rechenschaft gezogen werden“.

Der CS-Vorstandsvorsitzende Thomas Gottstein geißelte das Debakel rund um Archegos als „inakzeptabel“. Er selbst habe davon erst erfahren, als der Fall in der Presse auftauchte. Bis dahin habe er nicht einmal von der Existenz von Archegos gewusst, sagte der Schweizer in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Er sei nun dafür verantwortlich, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. So habe man die Risiken in der Investmentbank inzwischen deutlich reduziert und die Risikosysteme geschärft und verstärkt.

Neun Mitarbeiter mussten im Zusammenhang mit Archegos gehen, darunter die Risikochefin Lara Warner. 23 involvierten Mitarbeitern entgehen nun Boni von 70 Millionen Dollar. Der Fall habe verdeutlicht, „dass wir uns mit unserer Unternehmenskultur auseinandersetzen müssen“, schreibt die Bank. Das ist eine neue Erkenntnis: Als Gottstein vor eineinhalb Jahren nach einer internen Bespitzelungsaffäre an die CS-Spitze rückte, hatte er noch beteuert, dass die Unternehmenskultur gut und stark sei.

Wegen der zusätzlichen Abschreibungen im Zusammenhang mit Archegos sackte der Reingewinn der CS im zweiten Quartal um 78 Prozent auf 253 Millionen Franken ab. In der Vermögensverwaltung flossen netto 4,7 Milliarden Franken Kundengelder ab. Man habe sich von einigen Kunden in Asien getrennt, hieß es zur Begründung. Tatsächlich dürfte sich in dem Rückgang aber auch ein gewisser Reputationsverlust spiegeln, zumal die CS bei vielen Kunden auch mit ihrem Greensill-Lieferketten-Finanzierungsfonds für Verdruss sorgt.


Quellverweis — www.faz.net

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