Jens Weidmann: „Inflationsraten Richtung 5 Prozent“

Herr Weidmann, Sie haben den geldpolitischen Beschlüssen des EZB-Rats am Donnerstag nicht zugestimmt. Warum nicht?

Wir sind uns im EZB-Rat einig, dass eine expansive Geldpolitik derzeit angemessen ist. Mir war aber die potentiell zu lange Fortschreibung des Niedrigzinsumfelds zu weitgehend.

In der Eurozone lag die Inflationsrate im Juni gerade mal bei 1,9 Prozent. Viele Experten erklären den jüngsten Anstieg überwiegend mit vorübergehenden Einflüssen. Widersprechen Sie dieser Einschätzung?

Die Inflationsraten werden zunächst einmal stark steigen. Meine Fachleute erwarten etwa für Deutschland zum Jahresende 2021 Raten, die in Richtung 5 Prozent gehen könnten. Hier sind vor allem aber vorübergehende Effekte am Werk. Dazu gehören die Energie- und Rohstoffpreise und in Deutschland zum Beispiel die wieder zurückgenommene Mehrwertsteuersenkung vom vergangenen Jahr. Die Inflationsraten werden daher im weiteren Verlauf sicherlich wieder deutlich fallen. Der künftige Pfad ist aber unsicher.

Sehen Sie längerfristige Inflationsgefahren?

Die Angebotsengpässe, wie etwa bei Halbleitern, könnten sich als hartnäckiger erweisen. Die Nachholeffekte wegen des in der Pandemie aufgeschobenen Konsums könnten höher ausfallen und die Preise stärker anschieben. Und die zunächst höheren Inflationsraten könnten in höhere Inflationserwartungen und Tarifabschlüsse münden. Außerdem: Wenn wir die Klimaziele einhalten wollen, ist ein deutlich höherer Preis für CO2 unumgänglich. Das wird über viele Jahre die Energiepreise treiben. Hinzu kommt, dass wir im Rahmen der Strategieüberprüfung beschlossen haben, in dem für uns relevanten Verbraucherpreisindex künftig die Preise für selbst genutztes Wohneigentum zu berücksichtigen. Zurzeit steigert dies die Inflationsrate im Euroraum um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte. Natürlich kann man all diese Faktoren unterschiedlich bewerten, aber wir sollten sie genau im Auge behalten.

Wie passt der positive wirtschaftliche Ausblick für die Eurozone zu einer sehr expansiven Geldpolitik?

Wir sehen in der Tat eine kräftige Erholung der Wirtschaft. Das ist eine gute Nachricht. Dies sollte perspektivisch zu einer höheren Inflationsrate führen, aber wir wissen auch, dass im Euroraum die Inflationsrate zuletzt nur wenig auf eine höhere Auslastung der Produktionskapazitäten reagiert hat.

Mit ihrer neuen Strategie hat sich die EZB ein neues Inflationsziel von 2 Prozent gegeben. Im Unterschied zum alten Ziel von knapp unter 2 Prozent ist das neue Ziel symmetrisch, das heißt, Abweichungen nach unten werden ebenso als Fehlentwicklung betrachtet wie die nach oben. Will die EZB mehr Inflation zulassen?

Ich sehe in dem neuen Inflationsziel weder eine Verschiebung hin zu deutlich höheren Inflationsraten noch einen dramatischen Kurswechsel. Das neue Ziel ist letztlich besser zu erklären. Im Übrigen ist es eine Anpassung an eine unter Notenbanken verbreitete Praxis.

Aber die EZB lässt nun auch Raten von über 2 Prozent zu. Schreckt Sie das nicht?

Notenbanken können den Wirtschaftsprozess nicht so beeinflussen, dass sie Inflationsraten präzise bis auf den Wert hinter dem Komma steuern können. Daher ist ein vorübergehendes, leichtes Überschießen des Ziels von 2 Prozent ebenso wenig vermeidbar wie ein vorübergehendes, leichtes Unterschreiten. Das ist auch unproblematisch, und darauf haben wir uns bei der Strategie verständigt. Wichtig ist für mich etwas ganz Anderes: Der EZB-Rat hat sich bei der Strategie einstimmig gegen ein durchschnittliches Inflationsziel entschieden: Ein zeitweiliges Unterschreiten des Inflationsziels, wie wir es in den vergangenen Jahren erlebt haben, soll also künftig nicht durch ein gezieltes Überschreiten kompensiert werden.


Quellverweis — www.faz.net

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