Sorgen um hohe Bewertungen europäischer Tech-Start-Ups

Junge europäische Technologieunternehmen haben zuletzt sehr viel Aufmerksamkeit und Geld von Investoren erhalten. Das virtuelle Veranstaltungsunternehmen Hopin etwa hat im März 5,65 Milliarden Dollar aufgebracht und seine Bewertung in vier Monaten mehr als verdoppelt. Das größte Startup, die schwedische Klarna Bank, erreichte nahm in der jüngsten Finanzierungsrunde 45,6 Milliarden Dollar ein, mehr als viermal so viel wie im Vorjahr. Das britische Fintech Revolut plant nun eine Finanzierungsrunde über mehr als 20 Milliarden Dollar, was die Bewertung von 5,5 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2020 auf mehr als das Dreifache steigen lassen würde, wird kolportiert.

Laut einem Bericht des Investors GP Bullhound gibt es in der europäischen Technologiebranche mittlerweile jetzt 166 „Einhörner“, also Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar, die insgesamt mit mehr als 800 Milliarden Dollar bewertet würden. Die Hälfte dieses Wertes wurde aber erst im vergangenen Jahr geschaffen.

Tränen in den Augen

In der Branche beginne sich Unruhe breit zu machen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Es gebe eine kleine Technologieblase, wird Martin Davis, Vorstandschef des britischen Risikokapitalgebers Draper Esprit zitiert. Der Zustand werde nicht ewig anhalten.

Der Wert des Portfolios von Draper stieg in den zwölf Monaten bis März um 51 Prozent, nach einem Zuwachs von 10 Prozent  im Vorjahr. Die verstärkte Nutzung des Internets durch Konsumenten während der Corona-Pandemie und die niedrigen Zinsen lockten die Anleger weiter zu Technologie-Anlagen.

Einige der Bewertungen trieben einem die Tränen in die Augen, wird auch Erin Platts,die Leiterin des Geschäfts der Silicon Valley Bank in Europa, dem Nahen Osten und Afrika zitiert. Es sei eine Aufholjagd gegenüber den USA, die Geschwindigkeit aber mache ihr etwas Angst, noch mehr als einige der Zahlen.

An der Börse oft weniger erfolgreich

Die hohen Bewertungen im Rahmen von Privatplatzierungen lassen sich indes nicht ohne Weiteres auf den öffentlichen Markt übertragen, und so haben eine Reihe von Börsengängen zuletzt enttäuscht. Der chinesische Uber-Konkurrent Didi etwa kam schon vor dem jüngsten Kurseinbruch in den USA auf eine Bewertung von nur 68 Prozent der prognostizierten 100 Milliarden Dollar.

Der Marktwert des britischen Cybersicherheitsunternehmens Darktrace  betrug nach dem Börsengang 1,7 Milliarden Pfund, etwa die Hälfte des Wertes, mit dem das Unternehmen angepriesen worden war. Und der Marktwert des Lebensmittellieferanten Deliveroo schrumpfte am ersten Handelstag in London im März um 26 Prozent.

Börsengangsrekorde

Nichtsdestoweniger boomt das Geschäft und es sind eine Reihe von Beteiligungsfonds unterwegs. Befördert wird dies auch durch so manchen Börsengang. Europäische Technologieunternehmen haben in der ersten Jahreshälfte bisher mehr Mittel aufgenommen als in jedem anderen Gesamtjahr seit 2009. Es gab auch mehr als 75 Börsengänge von Technologie- und Internetunternehmen, Im Gesamtjahr 2020 waren es nur 45. Für Akquisitionen wurde doppelt so viel Geld ausgegeben, sodass 2021 wohl das beste Jahr für Technologie- und Internet-Transaktionen seit mehr als zwei Jahrzehnten werde.

Die reichlichen Mittel bringen aber auch Probleme, warnt Rand Gerges-Yammine, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Londoner Imperial College Business School. Unerfahrene Gründer seien möglicherweise mit dem schnellen Wachstum überfordert und hohe Bewertungen könnten Ausstiegsoptionen und das reduzieren. Erinnerungen an die frühen 2000er Jahre werden wach, wo ebenfalls die Gelder reichlich flossen und so manches junge Unternehmen diese letztlich in erfolglosen Projekten verbrannte.

Die Bedenken seien jedoch nicht neu, sagte Lars Jornow, Partner der schwedischen Risikokapitalgesellschaft EQT Ventures. Die Branche erwirtschafte seit Jahrzehnten gute Renditen. Möglicherweise müssten die Bewertungen irgendwann angepasst werden, aber die Technologiebranche sei seit zwei Jahrzehnten in einem Bullenmarkt und werde weiter liefern.

„Wir erleben den größten Wirtschaftsboom und die größte Technologierevolution der Geschichte. Dabei hat der Boom noch gar nicht stattgefunden“, schrieb der Finanzautor Harry Dent. Allerdings war das im Jahr 1998. Das Buch hieß „The Roaring 2000s“, auf deutsch „Die goldenen 2000er Jahre“.


Quellverweis — www.faz.net

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