EZB lässt die Zügel für Banken locker

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat einen freundlichen Kurs gegenüber den 114 von ihr direkt beaufsichtigten Banken eingeschlagen. Am Montagabend kündigte EZB-Chefaufseher Andrea Enria an, den Instituten genügend Zeit zu lassen, um ihre im Zuge der Corona-Pandemie belasteten Eigenkapitalpuffer wieder aufzufüllen. „Wir wollen nicht wieder damit anfangen, bei den Kapitalpuffern die Zügel anzuziehen, während die Krise immer noch die Bilanzen der Banken trifft“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Enria auf einer Onlineveranstaltung der IESE Business School. Die EZB plane, dass Banken bis mindestens zum Jahr 2022 ihre Kapitalpuffer flexibel nutzen dürften. „Aber wir können auch erneut den Zeitpfad überdenken, falls erheb­liche Probleme mit der Qualität von Vermögenswerten auftauchen sollten“, fügte er hinzu.

Damit spielte der Italiener auf mögliche Kreditausfälle an, die nach der Corona-Pandemie noch immer drohen können. So warnte der spanische Notenbankgouverneur Pablo Hernandez de Cos am Dienstag auf derselben Veranstaltung vor sich verschlechternden Krediten in den Bilanzen spanischer Banken infolge der Corona-Krise. „Das Risiko eine Verschlechterung der Kreditqualität in der Zukunft besteht weiterhin“, sagte das EZB-Ratsmitglied.

De Cos verwies auf Branchen, denen die Pandemie besonders zugesetzt hat, sowie auf das Auslaufen von Unterstützungsmaßnahmen. Zu den betroffenen Branchen gehört der für die spanische Volkswirtschaft besonders wichtige Tourismus. In fast allen Ländern gelten Einzelhandel und Transport als besonders betroffen. Aufgrund der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen, der Kreditmoratorien sowie des Aussetzens der Insolvenzantragspflicht kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Unternehmensinsolvenzwelle mit Verzögerung eintritt. Deshalb hatte Enria in den vergangenen Monaten die Banken stets darauf hingewiesen, die Gefahr von Kreditausfällen nicht zu unterschätzen.

Die Entwicklung in der Risikovorsorge deutet darauf hin, dass die Banken das Ausmaß der Kreditausfälle inzwischen deutlich entspannter sehen als im Sommer vor einem Jahr. Darüber hinaus hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde kürzlich darauf hingewiesen, dass mit den Impffortschritten die schlimmsten Konjunkturszenarien unwahrscheinlich geworden sind. Deshalb haben sie und Enria in der vergangenen Woche eine Lockerung der Dividendenbeschränkungen in Aussicht gestellt, wie die F.A.Z. in ihrer Samstagausgabe berichtet hatte.

Risikoappetit bereitet Sorge

Für die Banken kam die «dringliche Empfehlung» der EZB-Aufseher einem Verbot gleich. Es ist davon auszugehen, dass die Aufseher dieses harte Instrument im Zuge einer sich verfestigenden Wirtschaftserholung aufgeben möchten. Andererseits lassen sie die Eigenkapitalzügel für Banken locker, damit sie den konjunkturellen Aufschwung mit Krediten unterstützen können. Dazu zählen auch die weiterhin gelockerten Berechnungsmethoden der Verschuldungsquote. So werden Einlagen bei der Zentralbank und Bargeld ausgeklammert. Das reduziert die Bilanzsumme und damit die Eigenkapitalanforderung.

Sorge bereitet den EZB-Bankenaufsehern der höhere Risikoappetit der Banken. Deshalb kündigte Enria vor wenigen Tagen an, komplexe Finanzgeschäfte genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei gilt der Blick der Aufseher riskanten Übernahmefinanzierungen (Leveraged Loans) und Aktienderivaten.


Quellverweis — www.faz.net

Releated

Klimaschutz: Banken versprechen zu viel

Die Vorstandschefs der großen Finanzkonzerne scheinen Kreide gefressen zu haben: Den Klimaschutz haben sie sich seit Längerem auf die Fahnen geschrieben. Doch so groß das Marketingrad ist, das Banken und Fondsgesellschaften mit nachhaltigen Anlagen drehen, es hapert in der Umsetzung. Darauf verweist eine am Montag veröffentlichte Studie der Nichtregierungsorganisation ShareAction, die sich verantwortungsbewussten Finanzanlagen verschrieben […]

Dax-Erweiterung ist ein kleiner Schritt für die Börse

Was für ein bemerkenswerter Zufall, dass diese beiden Ereignisse in einer Woche zusammenfallen: Der Dax steht vor der größten Reform seit seiner Gründung, und mit der Verhaftung des mutmaßlichen Strippenziehers Henry O’Sullivan kommt in den Wirecard-Skandal neue Bewegung. Die Dax-Erweiterung und Wirecard, diese beiden Themen gehören untrennbar zusammen. Offensichtlich hatte es erst einen der größten […]