Klimarisiken bedrohen Finanzstabilität

Hitze, Dürre, Waldbrände, Überschwemmungen und Überflutungen gefährden immer stärker den Menschen und die Natur. Der Klimawandel wird damit auch zu einem Risiko für die Finanzstabilität. Aus diesem Grund haben sich die Europäische Zentralbank (EZB) und der Europäische Systemrisikorat (ESRB) mit den Auswirkungen des Klimawandels für den europäischen Finanzsektor befasst. In dem am Donnerstag vorgelegten Bericht kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Belastungen innerhalb von Europas sehr ungleich verteilt sind. Das Schadenpotenzial schätzen die Notenbank und die Risikowächter aus dem ESRB, der nach der Finanzkrise als Frühwarnsystem eingerichtet wurde und von EZB-Präsidentin Christine Lagarde geleitet wird, aber als sehr hoch sein.

Sollten verschiedene Klimarisiken zusammentreffen, können demnach bis zu 30 Prozent der Unternehmenskredite betroffen sein. Als größtes Umweltrisiko in den kommenden beiden Jahrzehnten gelten dem Bericht zufolge Schäden durch Flusshochwasser. Diese physischen Gefahren können direkt Umwelt- oder Klimarisiken zugeordnet werden. Hier stellen EZB und ESRB ein hohes Klumpenrisiko fest: Rund 70 Prozent der Risiken gegenüber Unternehmen mit hohen oder steigenden physischen Gefahren befinden sich in den Büchern von 25 Banken.

Hohe CO2-Risiken

Hinzu kommen die Übergangsrisiken wie zum Beispiel aus einer deutlichen Verteuerung des CO2-Preises oder Neubewertungen von Aktien und Unternehmensanleihen. Insbesondere hier stellen EZB und ESRB eine ungleiche Verteilung der Klimarisiken im Finanzsektor fest. Grund dafür ist das umfangreiche Engagement von Investmentfonds bei Unternehmen mit hohen CO2-Emissionen. Diese machten 55 Prozent der Anlagen aus, von denen wiederum nur 1 Prozent im Einklang mit den EU-Klimaregeln, der sogenannten Taxonomie, stehen.

Während die direkten Klimarisiken der Versicherer beherrschbar erscheinen, erhöhen sich diese über ihre Beteiligungen an Fondsgesellschaften jedoch spürbar. Die Positionen zu Unternehmen mit hohen Emissionen machen in europäischen Bankbilanzen dem Bericht zufolge 14 Prozent aus. Zu den Sektoren zählen Produktion, Strom, Transport und Bau.

In seinem Jahresbericht verweist der ESRB auf die hohe Gefahr durch die steigenden Renditen amerikanischer Staatsanleihen, in denen die wachsenden Inflationssorgen zum Ausdruck kommen. Höhere Kreditkosten für europäische Staaten und Unternehmen können die Konjunkturerholung bremsen. Dann würde sich auch die Finanzierung für die Euroländer verteuern, was hoch verschuldete Staaten wie zum Beispiel Italien oder Griechenland vor Herausforderungen stellen kann. Sorgen bereitet dem ESRB zudem, dass Finanzgesellschaften außerhalb der Banken, im Wesentlichen Vermögensverwalter, aufgrund der extrem niedrigen Zinsen immer mehr Risiken eingehen, wie rückläufige Risikoaufschläge für Anleihen finanzschwacher Unternehmen zeigen. Zudem sind die Anlagen in wenig liquiden, also nicht sofort an den Märkten verkaufbaren Vermögenswerten gestiegen. Das macht Fondsgesellschaften verwundbar, wenn Anleger Gelder abziehen wollen.

Für den Systemrisikorat stellen plötzliche Kurskorrekturen eine Gefahr dar, was an den Überbewertungen in einigen Marktsegmenten liegt. So werde die in der Corona-Krise gestiegene Unternehmensverschuldung nicht ausreichend berücksichtigt.

In ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament wies Lagarde am Donnerstag auf Unsicherheiten aufgrund der Virus-Mutationen hin. Jedoch seien wegen der Impffortschritten die schlimmsten Konjunkturszenarien unwahrscheinlicher geworden. Für die Banken stellte sie ein Ende der Dividendenbeschränkungen im September in Aussicht. Voraussetzung sei, dass sich die Bedingungen nicht wesentlich verschlechtern. Eine Insolvenzwelle mit vielen Kreditausfällen könnte einen Strich durch diese Rechnung machen.


Quellverweis — www.faz.net

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