Eine Geldanlage von Geburt an

Eigentlich könnte sich Albrecht Friedel beruhigt zurücklehnen. Vier Jahrzehnte arbeitete er für Finanzdienstleister, zunächst für Bausparkassen wie Schwäbisch Hall und BHW, dann als selbständiger Finanzberater und Ruhestandsplaner. Heute ist er 70 Jahre alt und Rentner. Doch ihn wurmt weiterhin etwas: ein System, das zulässt, dass Altersarmut entstehen kann. „Deutschland ist wirtschaftlich und vom Sozialsystem her gut aufgestellt“, sagt Friedel. „Aber Leute müssen drei Jobs machen. Alleinerziehende kommen nicht zurecht.“

Seine Kritik an der Altersvorsorge klingt ähnlich wie die von FDP und Grünen im Bundestagswahlkampf, auch deren Sympathie für Aktien in der Kapitaldeckung teilt er, aber sein Lösungsvorschlag weicht ab. „Die Unterscheidung in Erwerbsphase und Rentenphase ist gängig, was aber passiert von der Geburt bis zum Berufsbeginn?“, fragt er und gibt sich die Antwort selbst: „Nichts! Diese Zeit ist vergeudet.“

Friedel macht einen ungewöhnlichen Vorschlag. Zu den drei Säulen gesetzlich, betrieblich, privat solle eine vierte hinzutreten: eine Komponente, die beitrags- und einkommensunabhängig finanziert ist, Altersarmut verhindern soll und sich aus dem Zinseszins einer Geldanlage finanzieren soll, die schon mit der Geburt beginnt. 1000 Euro Willkommensgeld für jedes neugeborene Kind und dann 10 Euro aus dem Kindergeld, 120 Euro im Jahr, würden dafür nach seiner Rechnung ausreichen.

Friedel hat ein Musterportfolio zur Illustration erstellt

„Meine Idee lebt seit einigen Jahren“, sagt Friedel, der in der hessischen Stadt Gelnhausen lebt. Um das zu illustrieren, hat er vor einiger Zeit ein Musterportfolio angelegt. Es speist sich aus den 1000 Euro an jeden Neugeborenen und den monatlichen 10 Euro übers Kindergeld, bis der Kindergeldbezug aufhört, höchstens 4000 Euro je Bürger.

Sobald der Staat nicht mehr zahlt, sollen die Bürger ihre 10 Euro selbst aufbringen – bis sie 60 sind, höchstens 8200 Euro. „Das ist für alle Beteiligten machbar“, sagt er. Auch für den Staat: Für die Riester-Förderung, an der er für die dritte Säule weiter festhalten würde, gebe dieser mehr als 2 Milliarden Euro im Jahr aus. Das sei anders als das schwedische Modell, für das FDP und Grüne Sympathien haben. „Aber das ist eine Vermischung mit dem gesetzlichen Modell. Ich bin dagegen“, sagt Friedel.

In der ablaufenden Legislaturperiode hatte die Bundesregierung angestrebt, ein einfaches Standardprodukt in der dritten Säule als Nachfolger des Riester-Modells einzuführen (siehe Artikel rechts). An der 2001 eingeführten geförderten dritten Säule bemängelten Kritiker, vor allem Finanzvertriebe profitierten davon. „Eine Vertriebsmaschine braucht man in meinem Modell nicht“, sagt Friedel. „Mit wenig Aufwand hätte man einen großen Nutzen.“

Entscheidend ist für Friedel der unterschätzte Zinseszinseffekt

Doch entscheidend sind nach seiner Einschätzung nicht die Kosten. „Der Vorteil des frühen Beginns ist der Zinseszinseffekt, den unterschätzen die Leute“, sagt er. Bei 60 Jahren Anlagehorizont seien Anleihen und Bargeld verzichtbar. Aktien sollten international diversifiziert sein. „Technologie haben wir nicht viel in Deutschland, aber da sind die meisten Erträge generiert worden“, sagt er.

Mit der Riester-Rente hätten Anleger durch die erforderliche Garantie nicht teilgehabt. Sie habe Produktgeber gezwungen, in schlecht verzinste Anleihen zu investieren. „Wenn man nicht die schlechtesten Unternehmen hat, wird man langfristig hervorragend liegen“, sagt er mit Blick auf seine Live-Portfolios, die seit viereinhalb Jahren laufen und eine jährliche Rendite von 13 Prozent hätten. „Ich bin im Corona-Crash auch mit runtergegangen. Hätte ich aber Sicherheitssysteme gehabt, hätte ich Aufschwung nicht mitgenommen“, sagt er. Jeder, der in Deutschland geboren wird, solle einen Anspruch auf die vierte Säule haben.


Quellverweis — www.faz.net

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