Air Liquide und SAP: Standard von der (Zu-)Kaufliste

Nachdem die europäischen und deutschen Aktienmärkte in den ersten vier Monaten des Jahres 2021 die seit dem Corona-Baisse-Tief (März 2020) bestehende Hausse-Bewegung mit dem Rückenwind der freundlichen Entwicklung an der Weltleitbörse an der New Yorker Wall Street mit deutlichen Kursgewinnen fortgesetzt haben, sind mittelfristig überkaufte Strukturen entstanden. Deshalb sollte es nicht überraschen, wenn es in den kommenden Wochen zu „normalen technischen Konsolidierungen“ zum Beispiel im Euro Stoxx 50 und Dax kommt.

Es wäre aber eine technische Überinterpretation, aus der aktuellen Lage ein „Sell in May and go away“ („Verkaufe im Mai und sichere die Kursgewinne“) abzuleiten und für die kommenden Monate eine holprige Wegstrecke an den Aktienmärkten zu prognostizieren. Besonders wichtig bei Neuengagements sollte es aber sein, nicht bei Einzelwerten, die in den letzten Monaten sehr ausgeprägte Kursgewinne erzielen konnten, prozyklische (Zu-)Käufe vorzunehmen. Titel, die zuletzt neue Investment-Kaufsignale geliefert haben, oder aber solche, bei denen eine mittelfristige Seitwärtsbewegung vor dem Abschluss stehen sollte, weisen ein ansprechendes technisches Chance/Risiko-Verhältnis auf. Hier sind Air Liquide und SAP zu nennen.

In einer Mega-Hausse

Die französische Air Liquide, deren Geschäftsmodell schwerpunktmäßig Produktion, Vertrieb, Marketing und der weltweite Verkauf von industriellen und medizinischen Gasen darstellt, ist in den letzten Jahren durch Akquisitionen ständig gewachsen und der Hauptkonkurrent von Linde. Für beide Unternehmen sollte man nicht überrascht sein, wenn die Thematik „Grüner Wasserstoff“ in den kommenden Jahren sowohl bei den Investitionen als auch bei Produktion und Verkauf eine wachsende Bedeutung bekommt. Air Liquide ist und bleibt ein technisches Musterbeispiel für einen europäischen Marathonläufer (steht für Aktien, die sich in sehr langfristigen Aufwärtsbewegungen befinden und im Regelfall in jeder Gesamtmarkthausse neue Allzeithochs erreichen). Die Aktie befindet sich seit Dezember 1989 (Start bei 10,1 Euro) in einer Mega-Hausse, wobei der über 30-jährige, zentrale Hausse-Trend bei ungefähr 75,0 Euro liegt und nur wenig Einfluss auf die aktuelle technische Lage hat.

Bild: F.A.Z.

Diese Mega-Hausse wurde bisher nur von kleinen Zwischen-Baisse-Bewegungen (zum Beispiel in 2008/2009) und normalen technischen Korrekturen oder Konsolidierungen, die bisher immer einen trendbestätigenden Charakter (nach oben) aufwiesen, unterbrochen. Genau dieses technische Bild zeigt sich auch in der aktuellen Lage. Nach der Aufwärtsbeschleunigung von März 2020 (Start bei 94,9 Euro; Corona-Baisse-Tief) und September 2020 bis auf 144,5 Euro ist Air Liquide in eine mittelfristige Seitwärtspendelbewegung hineingelaufen. Diese wird durch die gestaffelte Widerstandszone von 141,0 Euro bis 144,5 Euro begrenzt und weist bisher einen trendbestätigenden Charakter nach oben auf. Air Liquide, die auch im Corona-Jahr 2020 ihre Dividende gezahlt hat, weist aktuell eine (Brutto-)Jahresdividendenrendite von knapp 2,0 Prozent auf (Brutto-Dividende von 2,75 Euro; ex am 17.05.2021). Bei diesem defensiven technischen Wachstumstitel sollte es nicht überraschen, wenn sich der Wert in den kommenden Wochen mit einem neuen Investment-Kaufsignal (entsteht beim Sprung über die gestaffelte Widerstandszone) nach oben absetzt. In diesem Fall sollte das neue technische Etappenziel im Bereich um 165,0 Euro liegen. Damit bietet sich bei Air Liquide eine technische Doppelstrategie an. Aufbau einer Anfangsposition auf dem aktuellen Kursniveau. Diese sollte im Fall des Investment-Kaufsignals deutlich ausgebaut werden.

Ein neuer Aufwärtstrend

Nachdem in den ersten drei Monaten des Jahres der europäische Stoxx Technology, in dem zurzeit die 36 führenden europäischen Technologie-Aktien aus dem Stoxx 600 zusammengefasst sind, nur mit dem Gesamtmarkt mitgelaufen war, ist in den letzten Wochen wieder eine relative Stärke entstanden. Mitverantwortlich dafür ist auch SAP, die nach der Bekanntgabe der veränderten Unternehmensstrategie im Oktober 2020 und der dabei entstandenen Marktskepsis noch deutliche Kursverluste hinnehmen musste. Aus sehr langfristiger, technischer Sicht befindet sich SAP seit März 2003 (Start bei 9,95 Euro) in einer Hausse-Bewegung, wobei der 18-jährige, zentrale Hausse-Trend jetzt bei ungefähr 90,0 Euro angekommen ist. Dieser Trend wurde auch während der Corona-Baisse (März 2020; Tief bei 82,1 Euro) und des „hausgemachten“ Kursrutsches im Oktober 2020 (Tief bei 89,9 Euro) verteidigt. Innerhalb dieses zentralen Hausse-Trends existiert seit März 2009 (Kurstief in der damaligen Finanzkrise bei ungefähr 29,9 Euro) ein zusätzlicher, 12-jähriger Hausse-Trend (Trendlinie bei 105,0 Euro).

Zwar wurde dieser Trend bereits zweimal unterschritten, jedoch ist dieser Hausse-Trend aufgrund der aktuellen Kursentwicklung (SAP bewegt sich wieder in diesem Trend) abermals von analytischer Relevanz. Aus mittelfristiger Sicht war SAP – ausgehend vom bisherigen Allzeithoch bei 143,4 Euro (neue Widerstandszone) – bis auf die schon beschriebenen 89,9 Euro (Unterstützungszone) gerutscht. Danach folgte eine mehrmonatige Seitwärtsbewegung inkl. der relativen Schwäche gegenüber Euro Stoxx 50 und Dax. Diese Seitwärtsbewegung hat den technischen Charakter einer (Trading-)Bodenformation unterhalb der zusätzlichen Widerstandszone um 110,0 Euro. Aufgrund des jetzt neu aufgetretenen Investment-Kaufsignals befindet sich SAP wieder in einem neuen mittelfristigen Aufwärtstrend (Trendlinie: 105,0 Euro). Bei dem Titel hat die Aufarbeitung der vorher entstandenen relativen Schwäche erst begonnen. Die technische Gesamtlage signalisiert, dass SAP wieder ein Kurspotential bis zur Widerstandszone (140,0 Euro – 143,0 Euro) im Umfeld der alten Allzeithochs aufweist. Die Aktie, die eine (Brutto-)Jahresdividendenrendite von knapp 1,6 Prozent (Brutto-Dividende von 1,85 Euro; ex am 13.05.21) bietet, stellt somit wieder einen technischen (Zu-)Kauf dar.


Quellverweis — www.faz.net

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