DSW baut Drohszenario gegen EY auf

Nach dem Bilanzskandal von Wirecard erhöhen Anlegerschützer den Druck auf das Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesetz (DSW) hat mit anderen europäischen Anlegervereinigungen eine Stiftung nach niederländischem Recht (Stichting) ins Leben gerufen. Darüber soll für Zehntausende geschädigte Anleger aus ganz Europa eine Einigung mit EY erzielt werden – möglichst im Wege eines Vergleichs und ohne Klage. Damit habe es die Big-Four-Prüfungsgesellschaft selbst in der Hand, sich abschließend mit den Investoren zu einigen, heißt es seitens der DSW.  

„Die Zeit drängt“, schreiben Ulrich Hocker, Präsident der Anlegerschutzvereinigung und deren Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler in einem offenen Brief an Henrik Ahlers, seit Ende Februar neuer Deutschland-Chef der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. In dem am Freitag bekannt gewordenen Schreiben, das auf den 26. April datiert ist, fordern sie EY auf, die „Blockadehaltung“ zu beenden und sich einer konstruktiven Lösung zu öffnen. Ahlers und die anderen Mitglieder der EY-Geschäftsführung sollten jetzt die richtigen Schritte einleiten, bevor der Weg dafür vollends versperrt sei.

Nach den jüngsten Erkenntnissen im Wirecard-Untersuchungsausschuss in Berlin hatte die DSW zunächst einen Dialog mit EY gesucht und sich nun für den öffentlichen Appell entschieden. „Die Schlinge für EY zieht sich zu“, sagte DSW-Mann Tüngler der F.A.Z. Was im Einzelnen der Sonderermittler Martin Wambach zur Arbeit von EY herausgefunden habe, sei zwar nicht öffentlich geworden. „Nach dem, was man bisher gehört hat, sieht er aber Versäumnisse bei EY“, so Tüngler. Seiner Ansicht nach will das etwas heißen, schließlich sei Wambach selbst Wirtschaftsprüfer und Mitglied im Vorstand des Wirtschaftsprüferinstituts (IDW). Wenn EY sich im Rahmen der Prüfung von Wirecard nicht an die IDW-Regeln für den Berufsstand gehalten haben sollte, gelte nach Einschätzung von Tüngler die Haftungsbegrenzung auf bisher 4 Millionen Euro und demnächst 20 Millionen Euro nicht mehr.

Zehntausende Investoren sind zur Klage bereit

Wie die DSW in dem offenen Brief behauptet, hätten sie seit der Vernehmung der EY-Wirtschaftsprüfer im Untersuchungsausschuss im März eine Welle an Anfragen erreicht. „Einhelliger Tenor“ dabei sei, Ansprüche gegen EY klageweise geltende zu machen – viele Investoren wollen umgehend handeln. Die Zahl der Eingaben beziffert die Schutzvereinigung im mittleren fünfstelligen Bereich mit einem Schaden in Milliardenhöhe.

DSW-Geschäftsführer Marc Tüngler sieht ein Windhundrennen der geschädigten Anleger von Wirecard mit anderen Gläubigern voraus. Daher wirbt er für eine Einigung mit EY über das niederländische Stichting-Modell.
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Bild: Wolfgang Eilmes

Tüngler erklärte der F.A.Z., allein die bisher gestellten Ansprüche würden wohl über das Haftungsvermögen von EY in Deutschland hinausgehen. „Daher sollte auch das internationale EY-Netzwerk finanziell einspringen, um weiteren Schaden von der Marke EY abzuwenden.“ Er wies zudem darauf hin, dass Wirecard-Aktionäre sich allerdings einen Wettlauf mit anderen Gläubigern liefern. Denn auch der Insolvenzverwalter, werde Haftungsansprüche stellen.

Bislang hat Michael Jaffé, Rechtsanwalt aus München und Wirecard-Insolvenzverwalter, eine Klage wegen der Jahresabschlüsse 2017 und 2018 des früheren Dax-Konzerns eingereicht. Sollte das Landgericht München I die Nichtigkeit der Jahresabschlüsse feststellen, wird Jaffé Schadenersatzansprüche gegen die Abschlussprüfer anmelden.

In Deutschland sind bislang zahlreiche Anlegerklagen gegen EY am Landgericht Stuttgart anhängig, wo EY seinen Deutschland-Sitz hat. Verklagt werden auch die seinerzeit für das Wirecard-Testat verantwortlichen Partner.  Zudem hat die Kanzlei des kürzlich verstorbenen Anlegeranwalts Andreas Tilp die Einleitung eines Kapitalanleger-Musterverfahrens gegen EY vor dem Oberlandesgericht München beantragt.

Stichting-Modell hat Vorteile

Mit der Gründung einer Stiftung in den Niederlanden gehen die DSW und ihre Partner den Weg, möglichst viele Investoren zu bündeln. Das könnte nicht nur eine Drohgebärde für EY darstellen, sondern vielleicht die Möglichkeit, sich rechtskräftig mit vielen Investoren aus anderen EU-Mitgliedsstaaten zu einigen. Das haben in der Vergangenheit größere Kapitalanlagehaftungsfälle wie bei Energiekonzern Shell oder der früheren Fortis-Bankgruppe gezeigt.

Auf diese Beispiele verweist nun auch die DSW in ihren Brief an EY-Chef Ahlers. Zudem bietet das Konstrukt, das rechtlich von den Kanzleien Nieding + Barth aus Frankfurt und AKD Benelux Lawyers aus Amsterdam betreut wird, im Gegensatz zu Deutschland auch die Möglichkeit einer späteren Sammelklage. Über diese könnten geschädigte Anleger schneller an Geld gelangen als etwa über ein deutsches KapMuG-Verfahren.

Auf Anfrage teilte EY mit, es sei oberste Priorität zur Aufklärung des Falles Wirecard beizutragen und verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Man habe deshalb auch alle Untersuchungen der Wirtschaftsprüferaufsichtsbehörde Apas, der Staatsanwaltschaft und des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses von Beginn an unterstützt und werde dies auch weiterhin tun.

Unabhängig von den laufenden Untersuchungen arbeitet EY wie kürzlich angekündigt auch schon an Maßnahmen und Initiativen, um das Vertrauen in die Qualität der Prüfung zu stärken. Damit geht das Unternehmen nach eigenen Angaben über die derzeit öffentlich diskutierten Vorgaben zur Stärkung der Strukturen und Prozesse in Wirtschaftsprüfungsgesellschaften deutlich hinaus.


Quellverweis — www.faz.net

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