Versicherer aus Amerika greift an

Der Krankenversicherungsmarkt in Deutschland galt viele Jahre als fest aufgeteilt und unattraktiv für neue Marktteilnehmer. Das lag an allerlei politischen Einschränkungen für das Geschäft. Doch inzwischen hat sich dieses Bild gewandelt. Das Insurtech Ottonova etabliert sich gerade als neuer Vollversicherer, auch andere Start-ups wollen zumindest ins Krankenversicherungs-Zusatzgeschäft einsteigen.

Zudem entwickelt sich das Gruppengeschäft mit Unternehmenskunden, dem lange schon eine große Zukunft vorausgesagt wurde, allmählich vielversprechender. Das ruft nun auch einen großen internationalen Akteur auf den Plan, der bislang nur passiv – also auf Anfrage der Unternehmen bei einem Versicherungsmakler – hierzulande Geschäft gezeichnet hat. In den kommenden Tagen wird der amerikanische Krankenversicherer Cigna richtig in den deutschen Markt eintreten.

Cigna ist ein dynamischer Versicherer mit Sitz in Connecticut, der ähnlich der französischen Axa aus dem Zusammenschluss verschiedener Unternehmen hervorgegangen ist. So kann es auf fast 230 Jahre zurückblicken, versorgt auf der ganzen Welt etwa 175 Millionen Kunden, kommt auf einen Umsatz von 160 Milliarden Dollar und ist im Aktienindex S&P 500 gelistet.

Cigna vertraut auf digitale Gesundheitsangebote

„Wir glauben, dass der virtuellen Gesundheitsversorgung die Zukunft gehört“, sagte Arjan Toor, der Vorstandsvorsitzende von Cigna in Europa, der F.A.Z. in einem Videogespräch. Mit einem Netzwerk von mehr als 1,5 Millionen Ärzten, Kliniken und Spezialdienstleistern auf der Welt glaubt er, deutschen Unternehmen mit internationaler Ausrichtung ein gutes Angebot für deren Mitarbeiter machen zu können.

Aktuelle Befragungen von Beschäftigten zeigten, dass drei Viertel es begrüßen würden, wenn sich ihr Unternehmen in der Gesundheitsversorgung engagieren würde, aber nur ein Viertel verfügt tatsächlich darüber. „Das ist eine erhebliche Lücke zwischen dem, was sie erwarten, und was sie bekommen“, sagt Toor. „Gute Arbeitgeber hören darauf, was ihre Mitarbeiter sagen.“

Cigna habe es sich zur Aufgabe gemacht, in einem Unternehmen mit Hilfe von Mitarbeiterbefragungen zunächst eine Analyse vorzunehmen, wo der Bedarf liege. Heraus kämen maßgeschneiderte Angebote einer Gesundheitsversorgung, die dazu passten. „Im Kern unseres Whole-Health-Angebots steht der direkte Zugang zu Spezialisten“, sagt Toor. Habe ein Mitarbeiter einen Dienst in Anspruch genommen, gehe die Rechnung direkt an Cigna.

Heimische Krankenversicherer sind im Geschäft mit Belegschaften stark

In das Geschäft mit Arbeitgeber-Krankenversicherungen sind in Deutschland auch heimische Versicherer wie die Gothaer und die Alte Leipziger eingestiegen und erzielen hier seit einigen Jahren überdurchschnittliche Zuwachsraten. Einen umfassenden Ansatz, der auch dazu dient, die kollektive Arbeitskraft vor Ausfällen zu schützen, verfolgt die Süddeutsche Krankenversicherung. Diesem Vorgehen kommt Cigna mit seiner neuen Strategie „Whole Health“ (Ganzheitliche Gesundheit) am nächsten.

Auch die von der Axa verbreitete Idee, Versicherer müssten von Bezahlern zu Partnern werden, findet sich in diesem Ansatz. „Wir haben etwas Eigenständiges entwickelt. Viele Wettbewerber sprechen über psychische Erkrankungen, ohne das Gespräch auf ein neues Level zu heben“, sagt Toor. Vor allem müssten Manager die Gesundheit ihrer Belegschaften zum Thema machen. „Wir messen die Kapitalrentabilität einer Investition, das gehört auf die Agenda der Chefs“, sagt er.

Ein Vorteil von Cigna sei die internationale Ausrichtung, durch die das Unternehmen in vielen Krankenversicherungssystemen zu Hause sei. Bislang sei es schon bei kleinen und mittleren Unternehmen mit Auslandsgeschäft, internationalen Organisationen und Konzernen gut vertreten. „Wir sehen eine Lücke: Unternehmen beginnen, Gesundheit ihrer Mitarbeiter höher zu gewichten, aber erhalten nicht die nötige Hilfe.“


Quellverweis — www.faz.net

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