Denn die EZB wird schon helfen, wenn es schwierig wird

Siemens, Volkswagen und BASF haben in dieser Woche die Bekanntgabe von Quartalszahlen vorgezogen, weil sie besser ausfallen als von Analysten erwartet. Darin zeigt sich die Wirtschaftserholung in Asien und die Exportstärke der deutschen Industrie. Schließlich ist China im vergangenen Jahr als einzige große Wirtschaftsnation gewachsen, und auch andere asiatische Länder haben die Pandemie hervorragend im Griff. Inzwischen ist China für die deutsche Wirtschaft ein wichtigerer Exportmarkt als unser Nachbarland Frankreich.

Die guten Quartalszahlen haben die Aktien von Siemens, VW und kurz auch von BASF beflügelt, aber nicht den Gesamtmarkt. Der Dax steht derzeit fast auf der Stelle. Offenbar sind die Anleger hin- und hergerissen: Einerseits sind Aktien, gemessen an den von Analysten für die nächsten zwölf Monate geschätzten Unternehmensgewinne, derzeit hoch bewertet. Das durchschnittliche Kursgewinnverhältnis für die 30-Dax-Werte liegt demnach bei 16, für die 50 Aktien im Euro Stoxx bei 18. Das ist etwa 30 Prozent mehr als im langjährigen Mittel. Andererseits sind die Zinsen tief, und mehr und mehr Anleger machen sich Sorgen um Inflation, was Aktien hilft.

EZB schürt Inflationssorgen

Die Inflationssorgen erhielten in dieser Woche weiteren Auftrieb durch EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Sie sagte, die Europäische Zentralbank werde alles unternehmen, um für vorteilhafte Finanzierungsbedingungen in der Eurozone zu sorgen. Das kann man so deuten, dass die EZB Gewähr bei Fuß steht, um mit zusätzlichem Geld zu intervenieren, falls die Kapitalmärkte austrocknen: etwa, wenn an den Aktienmärkten keine Börsengänge möglich wären, an den Anleihemärkten gegen einzelne Eurostaaten spekuliert und deren Zinsen nach oben getrieben würden oder der Euro unerwünschte Stärke zeigen sollte. Lagardes Botschaft an die Anleger ist also: Entspannt euch, die EZB wird euch helfen, wenn es schwierig wird. Das ist eine gute Nachricht für die Aktienmärkte, aber nicht unbedingt für den Euro und die langfristige Schuldentragfähigkeit der Eurostaaten.

Start-ups bekommen viel Geld

Derzeit stellen Anleger viel Kapital bereit. Sei es für das deutsche Modeportal Mytheresa, das ein fulminantes Börsendebüt in New York gab und nun 3 Milliarden Dollar wert ist; oder für Start-ups: Durch Wagniskapital, das Anleger in Mambu, Sennder und Personio gesteckt haben, ist der Kreis der deutschen Einhörner – so nennt man (noch) nicht börsennotierte Unternehmen mit einem Wert von mehr als 1 Milliarde Dollar – in diesem Jahr um drei Start-ups auf rund fünfzehn angeschwollen. Der Boom rund um Börsenmäntel (Spacs) an der Wall Street zeigt auch die gegenwärtig große Sorglosigkeit vieler Anleger. Dazu passt auch, dass die amerikanischen Großbanken, die ihre Geschäftszahlen vorlegten, gerade im Aktiengeschäft die Erwartungen übertrafen. 2020 erlösten im Aktienhandel Goldman Sachs 40 Prozent, JP Morgan und Bank of America rund 30 Prozent und Citigroup sogar fast 60 Prozent mehr als im Vorjahr.

Erfahrungsgemäß werden die goldenen Zeiten an den Kapitalmärkten nicht ewig andauern. Aus welcher Ecke der Wind als Erstes rauher wird, ist immer schwer vorherzusagen. Derzeit unterstellen die meisten Anleger, dass die Pandemie dank Impfungen zunehmend unter Kontrolle gebracht werden kann und die Lockdowns nach dem ersten Quartal auch in Europa enden. Das weitgehende Verpuffen der guten Quartalszahlen von Siemens, VW und BASF am Gesamtmarkt könnte aber ein Hinweis darauf sein, dass die Anleger derzeit anfälliger auf negative als auf positive Überraschungen reagieren.


Quellverweis — www.faz.net

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