Ende eines patriarchalen Mythos — Frauen waren in der Steinzeit Jägerinnen

Archäologie
Ende eines patriarchalen Mythos — Frauen gingen in der Steinzeit auf die Jagd

Eine Frau gehört an den Herd? Nicht in der Steinzeit.

© Matthew Verdolivo/UC Davis IET Academic Technology Services / PR

Kinderpflege und Beeren sammeln, diese Aufgabe dachten Archäologen den Frauen in der Steinzeit zu. Tatsächlich gingen sie wie die Männer auf die Jagd.

Jäger und Sammler – bisher war die Arbeitsaufteilung klar: Die Männer der Steinzeit warfen sich nur mit Speeren bewaffnet Mammuts und Bären entgegen, während die Frauen sich um die Kinder kümmerten und ein paar Beeren sammelten. So zumindest stellten sich die männlich dominierte Archäologie das Leben damals vor.

Doch vermutlich handelte es sich um eine Rückprojektion ihrer eigenen bürgerlichen Lebenswelt. Auch als man vor einigen Jahren die 9000 Jahre alten Knochen eines Jägers in den Anden entdeckte, glaubte man zuerst einen Mann gefunden zu haben. Wer sollte sonst inmitten von Geschossspitzen und Klingen auf fast 4000 Metern Höhe begraben worden sein? Aber schon damals fielen die kleinen und leichten Knochen auf und legten die Vermutung nahe, dass eine Jägerin gefunden wurde.

Sicher war man allerdings nicht. Dafür musste erst der Zahnschmelz analysiert werden. Einmal neugierig geworden, untersuchten die Forscher weitere Funde von Jägergräbern und konnte zehn weitere Frauen finden, die mit Pfeilspitzen und Jagdwaffen in Amerika begraben wurden. In 26 Gräbern mit Jagdwaffen ruhten Männer in 16 und Frauen in zehn. Das ist eine fast paritätische Verteilung und sicher keine Ausnahme. Offenkundig handelte es sich um keinen Einzelfall.

Der Mythos vom kühnen Jäger

Diese Entdeckung hat weitreichende Konsequenzen, den nun bricht eine Theorie zusammen. «Diese Entdeckung und unsere Analyse früher Bestattungspraktiken hebt die lang gehegte Hypothese ‘Mann der Jäger’ auf», sagte Randy Haas, Assistenzprofessor für Anthropologie und Hauptautor der Studie «Female hunters of the early Americas».

Diese angenommene frühe Arbeitsteilung diente Jahrzehnte lang dazu, bestimmte Geschlechtsstereotypen «wissenschaftlich» zu untermauern. Dem Mann wurden Charakterzüge wie kühn, mutig und unternehmungslustig zugeschrieben – der Frau ordnete man die sorgende und häusliche Sphäre zu. «Diese Ergebnisse haben unser Verständnis der grundlegendsten Organisationsstruktur in Jäger-Sammler-Gesellschaften und damit der Evolutionsgeschichte unserer Spezies verändert», so Haas. «Die sexuelle Aufteilung der Arbeit scheint in der Vergangenheit unter Jägern und Sammlern viel abgeschwächter oder gar nicht vorhanden gewesen zu sein.» Wie das soziale Leben in den Gruppen damals organisiert war, ist weitgehend unbekannt. Es ist denkbar, dass nicht jede biologische Mutter die eigenen Kinder auch versorgt hat.

Die Jägerin gehörte zu versteinerten Überresten von sechs Menschen an der archäologischen Stätte Wilamaya Patjxa. Zwei Tote wurden mit den wertvollen Jagdutensilien begraben. Die Person mit dem beeindruckendsten Arsenal stellte sich nach Analyse des Zahnschmelzes als Frau heraus. Der andere Jäger war männlich. Die Untersuchungen der Isotope von Kohlenstoff und Stickstoff in den Zähnen der Frau zeigten, dass sie ihr Leben lang eine typische Jägernahrung aus tierischem Fleisch und Pflanzen gegessen hatte.

Kriegerische Frauen

In den letzten Jahren zeigte sich auch bei anderen Funden, dass die männlich dominierte Wissenschaft lange Zeit alle Beweise für irgendwie kriegerische Frauen nach Kräften unterdrückt hatte. Erst nach der Analyse des Erbgutes wurde eine Wikingerin als Kriegerin akzeptiert («Wikinger-Kriegerinnen – die verleugneten Amazonen aus dem Norden»). Da sich auf ihren Überresten Spuren von Verletzungen fanden, half die Argumentation auch nicht, dass ihre Waffen nur zur Zierde gedient hätten. Eine Ausnahme stellen die Skythen dar. Bei dem kriegerischen Reitervolk sind Kämpferinnen so üblich, dass man annimmt, sie seien das Vorbild für den Amazonen-Mythos (Speere, Gold und die stolze Haltung von Kriegerinnen – so wurden vier Amazonen beigesetzt» . 

Hinzu mag kommen, dass die meisten Skythengräber im Gebiet der ehemaligen UdSSR gefunden wurden. Und die Wissenschaft dort hatte nicht das Ziel, eine Ideologie zu untermauern, die das Wesen der Frauen vor allem in der Hausarbeit verortete.

Quelle: Female hunters of the early Americas

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Quellverweis — www.stern.de

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